Studium

Skylla und wer?

Sollte man von Abiturienten erwarten dürfen, dass ihnen Skylla und Charybdis ein Begriff sind? Offenbar sollte man es nicht tun, denn die Nennung dieser Begriffe erzeugte vor allem seltsame Blicke, vielleicht kann man es ja essen?

Das bringt mich zu der Frage inwiefern klassische Bildung (Latein rockt!) vielleicht doch ein bisschen unterschätzt wird. Auch wenn man sich nicht bis in die Tiefen der griechischen Mythologie verirren muss, so bringen fundierte Kenntnisse toter Sprachen einen doch im alltäglichen Studienbetrieb weiter als man denkt. Insbesondere dann, wenn der werte Prof da unten auch mal ein paar aus dem Latein entlehnte Begriffe nutzt. So kann sich der Altsprachler still und heimlich freuen, wenn die Nachbarn rätseln, was denn wohl “ex ante” und “ex post” bedeuten mögen. Dem Lateiner erschließt sich schnell, dass es sowas wie im Vorhinein oder im Nachhinein bedeuten muss.

Natürlich könnte man jetzt beginnen, auf das akademische Personal zu schimpfen, das gegen jeden Trend an den alten Sprachen festhält. Oder man schimpft auf die Studenten, die zu dumm sind und zu ungebildet. Beides birgt gewisse Risiken und verspricht realistisch betrachtet wenig Aussicht auf eine einvernehmliche Lösung.

Das Problem liegt also an anderer Stelle. Einerseits in einem Schulsystem, das anderen Werten unterworfen ist in einer Zeit, in der vor allem die Eintrichterung von ökonomisch verwertbarem Wissen zählt. Andererseits sind natürlich auch Massenunis, die bei einer immer größer werdenden Anzahl von Studenten, die allerdings aus einem sich nicht weiterentwickelnden Schulsystem entlassen werden, ein gleichbleibend hohes Niveau der Lehre erzielen müssen, wobei noch berücksichtigt werden will, dass die Wirtschaft ganz konkrete Wünsche hat, wieviele Ingenieure und Betriebswirte sie in den nächsten Jahren braucht.

Das alles führt also zu einer Situation, in der es egal ist, wer Skylla und Charybdis sind, denn auf die beiden kann man in der marktwirtschaftlichen Arbeitsrealität getrost pfeifen. Ingenieure, die nur Ingenieure sind, funktionieren in dieser Hinsicht sehr gut, weil sie genau das abliefern können, was ihnen abverlagt wird. Nur eben auch nicht mehr. Skylla und Charybdis interessieren Ingenieure nicht. Gesellschaft und Geschichte dann irgendwann auch nicht mehr.

Die Lösung dieses Problems der akademischen Elite ließe sich elegant mit einem Studium Generale lösen. In den Anfängen waren die Universitäten Ausbildungsstätten für Allwissende. Dass dieser Anspruch aufgrund der Kompliziertheit heutiger Themenbereiche und der seit Jahrhunderten fortschreitenden Akkumulation des Wissens unmöglich bis in alle Ewigkeit aufrecht erhalten werden kann, liegt auf der Hand. Dass aber anstatt von umfassend gebildeten Wissenschaftlern Fachidioten in Großserienfertigung hergestellt werden, ist keine gute Entwicklung.

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