Medien, die Gesellschaft

Tag der Pressefreiheit

Also wirklich, pfui! Diese Medien, schämen sollen sie sich! Nachdem ich bereits gestern auf einen entsprechenden Artikel aus der Zeit (datiert auf den 30.4.) aufmerksam gemacht habe, scheint mir auch seit gerade eben auf SPON ein entsprechender Beitrag, in dessen Verlauf sich folgendes Bildchen findet:

Was das über die Qualität und die hinter dieser Art der Berichterstattung stehenden Absichten verrät, dürfte auf der Hand liegen und bedarf eigentlich keiner weiteren Erörterung.

Dennoch ist es mir eine helle Freude, mich daran zu versuchen. Die Seite des Artikels, der sich pseudokritisch mit der Art und Weise der rücksichtslosen Berichterstattung über den tragischen Inzest-Fall von Amstetten ist - man ist ja auch und gerade bei Deutschlands führendem Nachrichtenportal ganz Web2.0 - ist vollgestopft mit lustigen bunten Bildchen und Widgets:

  • erstens eine aus zehn Bildern bestehende Fotostrecke über den “Ausnahmezustand in Amstetten”
  • zweitens ein Hinweis über die Berichterstattung zum Fall (nicht zum Thema Rücksichtslosigkeit der Medien) im SPIEGEL TV Magazin
  • drittens die oben schon angedeutete Fotostrecke mit “Bildern aus dem Verlies”
  • viertens eine interaktive Grafik mit Grundriss des Kellers und Zeitleiste
  • fünftens Videos zum Fall, Szenen aus dem ausschweifenden Leben des Täters
  • sechstens eine dritte Fotostrecke über die Verbrechen des Josef Fritzl
  • siebtens ein Ausschnitt aus Google Maps, das Haus natürlich mit Pfeil versehen
  • achtens “Mehr über”: Schlagworte zum Artikel
  • neuntens eine interaktive Übersicht zum Fall, Text und Bilder

Also ein Artikel mit Extras. Extras, die dem kritischen Ton des Artikels zuwiderlaufen. Von neun Widgets haben acht nichts mit dem zu tun, was im Artikel abgehandelt wird. Vielmehr stehen sie genau für das, was der Kritik unterworfen wird. Das ist ärmlich.

Gerade die Einbindung der Maps-Applikation ist blanker Hohn, der sich anschickt, den Opfern dieses Falls sämtliche Anonymität und Würde zu rauben, die ihnen noch verblieben ist.

Am Tag der Pressefreiheit sollte man sich als Presse vielleicht auch mal den einen oder anderen warmen Gedanken dazu machen, wo die Freiheit der Presse irgendwie den Persönlichkeitsrechten der Opfer eines derartigen Falls zu nahe kommt. An dieser Stelle sollte sich die Presse die Freiheit nehmen, nicht zu sehr in die Privatsphäre der Opfer einzudringen. Was an Informationen zugänglich ist, sollte der Öffentlichkeit reichen, sich ein Bild machen zu können; dazu bedarf es nicht, zu jeder sich bietenden Gelegenheit eine interaktive Karte des Tatorts einzublenden.

Insofern wäre es konsequent, sich als führendes Online-Medium einer immer weiter fortschreitenden Boulevardisierung zu verweigern und gerade damit den Anspruch als Avantgarde zu markieren anstatt sich selbst durch eine derart lächerliche und heuchlerische Berichterstattung selbst zu demontieren. Diese Medien! Pfui!

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